von Axel Hillebrandt
Scham als Spiegel von Verantwortung: Warum wir uns für das Falsche schämen - Artikel 7
Es gibt ein Gefühl, über das niemand spricht. Weil es unangenehm ist. Weil es verletzlich macht. Weil man sich dafür schämt, dass man sich schämt.
Scham.
Sie ist überall. In der Pflege, in der Führung, im Alltag. Aber sie ist unsichtbar. Weil niemand sie zeigt. Weil niemand zugibt das er sie empfindet. Und weil niemand versteht das sie oft auf einer Lüge basiert. Scham entsteht, wenn wir glauben dass wir falsch sind. Das wir nicht genügen. Dass wir die Einzigen sind die versagen, zweifeln, Fehler machen. Das wir anders sind als alle anderen. Und dass das ein Problem ist. Aber meistens stimmt das nicht.
Meistens sind wir nicht anders. Meistens sind wir genau dort wo die meisten sind. Aber wir sehen es nicht. Weil wir nur unsere eigene Erfahrung kennen. Und wir halten unsere Erfahrung für die Ausnahme obwohl sie die Regel ist. Das ist die Gaußsche Normalverteilung. Die Glockenkurve. Und sie erklärt warum Scham so oft eine Fehlinterpretation ist. Stell dir eine Kurve vor. Eine Glockenkurve. In der Mitte ist der höchste Punkt. Dort sind die meisten Menschen. Links und rechts davon wird es flacher. Dort sind die wenigen. Die Ausreißer.
Die Gaußsche Normalverteilung beschreibt wie sich Erfahrungen, Fähigkeiten, Fehler und Eigenschaften in einer Gruppe verteilen. Die meisten liegen in der Mitte. Ein paar liegen links davon. Ein paar liegen rechts davon. Aber die meisten sind in der Mitte. Das gilt für alles. Für Intelligenz. Für Fehler. Für Zweifel. Für Scham.
Wenn du denkst, du bist der Einzige der Fehler macht, liegst du falsch. Die meisten machen Fehler. Du bist mitten in der Kurve. Aber du siehst es nicht. Weil die anderen ihre Fehler nicht zeigen.
Wenn du denkst, du bist der Einzige der zweifelt, liegst du falsch. Die meisten zweifeln. Du bist mitten in der Kurve. Aber du siehst es nicht. Weil die anderen ihre Zweifel nicht zugeben.
Wenn du denkst, du bist der Einzige der sich schämt, liegst du falsch. Die meisten schämen sich. Du bist mitten in der Kurve. Aber du siehst es nicht. Weil niemand darüber spricht.
Das ist das Problem mit Scham. Sie entsteht, weil wir unsere eigene Erfahrung für die Ausnahme halten. Weil wir uns mit einem Ideal vergleichen das nicht existiert. Weil wir glauben alle anderen hätten es im Griff, nur wir nicht. Aber das Ideal ist nicht die Mitte der Kurve. Das Ideal ist der rechte Rand. Der Ausreißer. Die Ausnahme. Und wir vergleichen uns mit der Ausnahme und schämen uns, weil wir nicht dort sind. Aber niemand ist dauerhaft dort. Die Ausnahme ist die Ausnahme. Die Regel ist die Mitte. Und die Mitte ist wo die meisten sind. Mit Fehlern. Mit Zweifeln. Mit Scham.
Ich habe Scham in der Pflege gesehen. Täglich. Bei Patienten. Bei Kollegen. Bei mir selbst. Ein Patient der sich schämt, weil er gewaschen werden muss. Weil er seinen Körper nicht mehr kontrollieren kann. Weil er sich entblößen muss vor Menschen die er nicht kennt. Weil er abhängig von ihnen ist. Ein Mann der sich schämt, weil kein anderer Mann da ist um ihn zu waschen. Weil eine Frau es tun muss. Oder ein Mann es tun muss, obwohl eine Frau lieber eine Frau hätte. Weil die Situation intim ist und er sich unwohl fühlt. Ein Kollege der sich schämt, weil er einen Fehler gemacht hat. Weil er etwas übersehen hat. Weil er nicht perfekt war. Weil er glaubt er ist der Einzige, der so etwas tut. Eine Kollegin die sich schämt, weil ihre Zähne schlecht sind. Weil sie sich kaum traut zu lächeln. Weil sie denkt dass alle sie deswegen beurteilen. Obwohl sie großartige Arbeit macht. Obwohl niemanden ihre Zähne interessiert. Obwohl sie respektiert wird für das, was sie tut.
Alle diese Menschen schämen sich. Aber keiner von ihnen hat einen Grund dazu.
Der Patient der gewaschen werden muss, ist nicht der Einzige. Die meisten Patienten auf einer Intensivstation brauchen Hilfe bei der Körperpflege. Er ist mitten in der Kurve. Aber er fühlt sich wie ein Ausreißer.
Die Frau die von einem Mann gewaschen wird, ist nicht der Einzige der das unangenehm findet. Die meisten finden es unangenehm. Er ist mitten in der Kurve. Aber er fühlt sich wie ein Ausreißer.
Der Kollege der einen Fehler gemacht hat, ist nicht der Einzige. Alle machen Fehler. Er ist mitten in der Kurve. Aber er fühlt sich wie ein Ausreißer.
Die Kollegin mit den schlechten Zähnen ist nicht die Einzige die etwas hat, das sie an sich selbst nicht mag. Alle haben etwas. Sie ist mitten in der Kurve. Aber sie fühlt sich wie ein Ausreißer.
Das ist die Lüge der Scham. Sie sagt: Du bist anders. Du bist falsch. Du bist allein. Aber das stimmt nicht. Du bist nicht anders. Du bist nicht falsch. Und du bist nicht allein. Du bist mitten in der Kurve. Aber du siehst es nicht. Weil niemand über die Kurve spricht. Weil alle so tun, als wären sie auf der rechten Seite. Auf der perfekten Seite. Auf der Seite ohne Fehler, ohne Zweifel, ohne Scham. Aber niemand ist dort. Nicht dauerhaft. Nicht wirklich.
Das ist für mich der Grund warum Scham gesehen werden muss. Warum sie erkannt werden muss. Warum man darüber sprechen muss. Nicht um sie zu beseitigen. Scham ist ein Gefühl, kein Fehler. Aber um sie zu verstehen. Um zu sehen dass sie oft auf einer Fehlinterpretation basiert. Und um zu zeigen, dass die Person nicht allein ist. In der Pflege ist das besonders wichtig. Weil Scham dort überall ist. Bei Patienten, die ihren Körper nicht mehr kontrollieren können. Bei Angehörigen die nicht wissen wie sie helfen sollen. Bei Pflegekräften die glauben, sie müssten perfekt sein. Und wenn man Scham nicht sieht, kann man nicht helfen. Weil die Person sich zurückzieht. Weil sie nicht spricht. Weil sie glaubt, sie ist allein mit dem, was sie empfindet.
Aber sie ist nicht allein. Sie ist mitten in der Kurve. Und wenn man ihr das zeigt verändert sich etwas. Oft habe ich erlebt, wie ein Patient sich entspannt hat, als ich ihm gesagt habe: "Das geht doch den meisten Patienten so. Für mich wäre es komisch wenn es nicht so wäre". Wir als Pflegekräfte erleben wie Kollegen aufatmen hat, wenn man ihnen sagt: "Ich habe den gleichen Fehler auch schon gemacht." Das ist keine Therapie. Das ist keine große Intervention. Das ist nur die Anerkennung dass Scham oft auf einer Lüge basiert. Und dass man diese Lüge aufdecken kann, indem man zeigt: Du bist nicht allein. Du bist nicht falsch. Du bist mitten in der Kurve.
Scham ist ein Signal. Sie zeigt das wir uns kümmern. Das wir Verantwortung empfinden. Das uns wichtig ist was andere denken. Das ist nicht schlecht. Das ist menschlich.Aber Scham ist kein Urteil. Sie sagt nicht die Wahrheit über uns. Sie sagt nur wie wir uns fühlen. Und Gefühle können täuschen.
Wer Scham erkennt, kann helfen. Wer Scham ignoriert lässt Menschen allein. Und wer Scham als Schwäche abtut, versteht nicht dass sie oft ein Zeichen von Stärke ist. Weil sie zeigt dass jemand sich kümmert. Dassjemand Verantwortung empfindet. Dass jemand mehr will, als er gerade ist.
Weil Scham nur dann ihre Macht verliert, wenn man sie ans Licht holt. Und zeigt dass sie oft auf einer Lüge basiert. Du bist nicht allein. Du bist nicht falsch. Du bist mitten in der Kurve.
Und das ist okay.
Wenn Erfahrung zur Falle wird
Es gibt noch ein anderes Problem. Es basiert nicht nur auf der Fehlinterpretation wo wir auf der Kurve stehen. Sie basiert auch auf der Fehlinterpretation was wahrscheinlich ist. Wir denken, dass das was wir erlebt haben, wieder passieren wird. Weil wir es erlebt haben. Weil es präsent ist. Weil es uns emotional berührt hat.
Aber das ist eine kognitive Verzerrung. In der Psychologie nennt man das Verfügbarkeitsheuristik oder Availability Bias. Wir überschätzen die Wahrscheinlichkeit von Dingen die wir selbst erlebt haben. Und wir unterschätzen die Wahrscheinlichkeit von Dingen die wir nicht erlebt haben. Wenn du einmal einen schweren Fehler gemacht hast, glaubst du dass du ihn wieder machen wirst. Wenn du einmal abgelehnt wurdest, glaubst du dass es wieder passiert. Wenn du einmal gescheitert bist, glaubst du, dass Scheitern dein Standard ist. Aber das stimmt statistisch nicht. Deine Erfahrung ist nicht die Wahrscheinlichkeit. Deine Erfahrung ist ein Datenpunkt. Einer von vielen. Und ein einzelner Datenpunkt sagt nichts über die Verteilung.
Wenn du einmal einen Fehler gemacht hast, bedeutet das nicht das du immer Fehler machst. Es bedeutet nur, das du einmal einen Fehler gemacht hast. Die Wahrscheinlichkeit, dass du ihn wieder machst, hängt nicht davon ab das du ihn einmal gemacht hast. Sie hängt davon ab wie oft er in der Gesamtverteilung vorkommt.
Aber unser Gehirn funktioniert nicht so. Unser Gehirn sagt: Das ist dir passiert. Also wird es dir wieder passieren. Das ist die Verfügbarkeitsheuristik. Wir überschätzen was wir erlebt haben, weil es verfügbar ist. Weil es präsent ist. Weil es uns emotional berührt hat. Und daraus entsteht Scham. Weil wir denken: Das wird immer so sein. Ich werde immer der sein der versagt. Ich werde immer der sein der abgelehnt wird. Ich werde immer der sein der nicht genügt.
Aber das ist eine "Annahme". Es ist eine statistische Fehlinterpretation. Deine Erfahrung ist nicht deine Zukunft. Deine Erfahrung ist nur das was passiert ist. Nicht das was passieren muss. Ein Beispiel aus der Pflege: Ein Kollege macht einen Fehler. Er gibt einem Patienten die falsche Dosis eines Medikaments. Der Fehler wird bemerkt, korrigiert, niemand kommt zu Schaden. Aber der Kollege schämt sich. Und er glaubt: Das wird mir wieder passieren. Ich bin jemand, der solche Fehler machen kann. Aber das stimmt nicht. Er hat einmal einen Fehler gemacht. Das macht ihn nicht zu jemandem der ständig Fehler macht. Die Wahrscheinlichkeit, dass er den gleichen Fehler wieder macht, ist nicht höher, nur weil er ihn einmal gemacht hat. Sie ist vielleicht sogar niedriger, weil er jetzt aufmerksamer ist. Aber er fühlt es anders. Weil die Erfahrung präsent ist. Weil sie emotional aufgeladen ist. Weil sie verfügbar ist. Und wehe es wurde an die große Glocke gehangen. Man stellt sich die Vertrauensfrage.
Das ist die Falle der Verfügbarkeitsheuristik. Wir denken, das was wir erlebt haben ist wahrscheinlicher, als es tatsächlich ist. Und daraus entsteht Scham. Weil wir glauben, das unsere Erfahrung unser Schicksal ist. Aber das ist sie nicht. Unsere Erfahrung ist nur ein Datenpunkt. Und ein Datenpunkt ist keine Verteilung.
Was das für Führung und Pflege bedeutet
Wer Menschen führt oder pflegt muss das verstehen. Wer Scham sieht muss nicht nur sagen: "Du bist nicht allein." Man muss auch sagen: "Das, was passiert ist, muss nicht wieder passieren." Weil Scham nicht nur aus dem Gefühl entsteht anders zu sein. Sie entsteht auch aus der Angst dass es immer so bleibt. Dass man immer der sein wird der versagt. Dass man immer der sein wird der nicht genügt. Aber das ist eine kognitive Verzerrung. Keine Realität.
Und wer das erkennt, kann helfen. Nicht durch Trost. Sondern durch Klarheit. Durch die Erinnerung daran, dass eine Erfahrung keine Vorhersage ist. Dass ein Fehler kein Schicksal ist. Und dass Scham oft auf einer Fehlinterpretation von Wahrscheinlichkeiten basiert.
Das ist keine Therapie. Das ist Struktur. Das ist Empathie die versteht, wie Menschen denken. Und wie man ihnen hilft, klarer zu denken.