von Axel Hillebrandt
Vitalparameter und KPIs ♡ Was Marketing von der Intensivstation lernen kann - Artikel 4
Auf einer Intensivstation gibt es Zahlen, die Leben retten. Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz. Man schaut auf den Monitor und weiß sofort: Alles stabil. Oder: Hier stimmt etwas nicht.
Diese Zahlen sind keine Dekoration. Sie sind ein Frühwarnsystem. Sie zeigen was im Körper passiert, bevor es sichtbar wird. Sie zeigen, wann ein Mensch kippt, bevor er zusammenbricht. Und sie zeigen wo man eingreifen muss, bevor es zu spät ist.
Im Marketing gibt es auch Zahlen. Conversion Rate, Customer Acquisition Cost, Churn Rate, Customer Lifetime Value, Return on Ad Spend. Man schaut auf das Dashboard und sagt: Alles läuft. Oder: Hier läuft etwas schief.
Aber im besten Fall sieht man es vorher. Man sieht, dass die Micro-Conversions sinken, bevor die Macro-Conversions einbrechen. Man sieht dass die Time on Page abnimmt, bevor die Bounce Rate explodiert. Man sieht dass die Click-Through-Rate bei konstanten Impressions sinkt, bevor der CAC durch die Decke geht. Im besten Fall.
Aber oft läuft es anders. Man schaut auf die falschen Metriken. Man trackt Vanity Metrics statt Leading Indicators. Man feiert steigende Impressions, während die Engagement Rate fällt. Man optimiert für Klicks, während die Conversion Rate kollabiert. Man sieht den Traffic steigen und merkt nicht, dass es der falsche Traffic ist. Ganz schön viel "Man".
Das ist der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Monitoring-System. Nicht die Anzahl der Metriken. Sondern welche man beobachtet. Und wie man sie liest.
Auf der Intensivstation gibt es zuallererst vier primäre Vitalparameter: Herzfrequenz, Blutdruck, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung. Nicht zwanzig. Nicht fünfzig. Vier. Weil diese vier Werte das System beschreiben. Weil man an ihnen erkennt, ob der Körper stabil ist oder kippt. Und weil man an ihrem Zusammenspiel sieht, wo das Problem liegt. Okay, gerne noch die Körpertemperatur dazu.
Ein erhöhter Blutdruck (im eigentlichen Sinne) allein ist kein Alarm. Aber ein erhöhter Blutdruck bei sinkender Herzfrequenz und fallender Sauerstoffsättigung ist ein Zeichen dafür, dass das System kompensiert. Der Körper versucht, einen Mangel auszugleichen. Und wenn die Kompensation nicht reicht, kollabiert das System.
Im Marketing ist es genauso. Eine sinkende Conversion Rate allein ist kein Alarm. Aber eine sinkende Conversion Rate bei steigender Bounce Rate, fallender Time on Page und abnehmendem wiederkehrenden Traffic ist ein Zeichen dafür, dass das System kompensiert. Die Kampagne bringt Traffic, aber es ist der falsche Traffic. Die Seite wird gefunden, aber nicht verstanden. Die Nutzer kommen, aber sie bleiben nicht. Das System kollabiert. Man sieht es nur nicht, weil man auf die falschen Zahlen schaut.
Versuchen wir die Verdeutlichung an einem Beispiel: Ein Unternehmen schaltet Performance-Kampagnen. Die Impressions steigen. Die Klicks steigen. Der Traffic steigt. Alles sieht gut aus. Aber die Conversion Rate sinkt. Minimal, aber messbar. Man sagt: Das ist normal. Mehr Traffic bedeutet immer eine niedrigere Conversion Rate. Das ist der Trade-off. Aber das stimmt nicht. Das ist keine Erklärung, das ist eine Ausrede.
In der Intensivmedizin würde man nicht sagen: Der Blutdruck sinkt, aber das ist normal, weil wir mehr Flüssigkeit gegeben haben. Man würde fragen: Warum sinkt der Blutdruck, obwohl wir Flüssigkeit geben? Was kompensiert der Körper? Wo ist das Leck?
Im Marketing müsste man fragen: Warum sinkt die Conversion Rate, obwohl der Traffic steigt? Welche Nutzer kommen jetzt, die vorher nicht kamen? Woher kommen sie? Was erwarten sie? Und warum konvertieren sie nicht?
Das sind keine rhetorischen Fragen. Das sind diagnostische Fragen. Und wer sie nicht stellt, repariert nicht, sondern schaut nur zu wie das System langsam stirbt.
Nehmen wir ein konkretes Krankheitsbild: eine beginnende Sepsis. Eine Blutvergiftung. In den ersten Stunden sieht man oft noch nichts Dramatisches. Der Patient ist vielleicht leicht unruhig. Die Herzfrequenz ist etwas erhöht. Der Blutdruck noch normal oder sogar leicht erhöht. Die Körpertemperatur steigt. Alles Zeichen, die man auch bei einer harmlosen Infektion sehen würde. Aber wer genau hinschaut, sieht mehr. Die Herzfrequenz ist nicht nur erhöht, sie steigt kontinuierlich. Der Blutdruck ist noch stabil, aber die Spanne zwischen systolischem und diastolischem Wert wird enger. Die Atemfrequenz nimmt zu. Die Sauerstoffsättigung beginnt leicht zu sinken. Das Laktat im Blut steigt. Der Körper kompensiert. Wer diese Zeichen liest, kann handeln. Antibiotika geben, Flüssigkeit infundieren, engmaschig überwachen. Wer sie nicht liest, wartet bis der Blutdruck kollabiert, die Organe versagen und der Patient auf der Kippe steht. Dann ist es oft zu spät.
Im Marketing sieht eine beginnende Kampagnen-Sepsis ähnlich aus. Die Performance ist noch im grünen Bereich. Der Traffic kommt. Die Klicks sind da. Aber wer genau hinschaut, sieht die Frühzeichen: Die Click-Through-Rate sinkt kontinuierlich. Die Bounce Rate steigt langsam, aber stetig. Die Time on Page fällt. Die Micro-Conversions nehmen ab. Die Wiederkehrerquote sinkt. Die Qualität des Traffics verschlechtert sich. Das sind keine Alarme. Das sind Frühzeichen. Wer sie liest, kann handeln: Zielgruppen anpassen, Creatives testen, Landingpages optimieren, Budget umschichten. Wer sie nicht liest, wartet bis die Conversion Rate kollabiert, der CAC explodiert und die Kampagne tot ist.
Der Unterschied zwischen Leben und Tod, zwischen funktionierender Kampagne und totalem Ausfall, liegt in diesen frühen Stunden. In der Zeit, in der das System noch kompensiert. In der Zeit, in der man noch eingreifen kann.
Aber man muss hinschauen. Und man muss wissen, worauf man schaut.
Der Herzinfarkt im Marketing sieht so aus: Die Performance bricht ein. Die Kampagne funktioniert nicht mehr. Die Leads bleiben aus. Das Team ist überrascht. Niemand hat es kommen sehen. Aber das stimmt nicht. Die Signale waren da.
Die Micro-Conversions waren schon zwei Wochen vorher gesunken. Nicht dramatisch, aber messbar. Die Time on Page war kürzer geworden. Die Scroll Depth hatte abgenommen. Die Wiederkehrerquote war gefallen. Die Add-to-Cart-Rate war stabil, aber die Purchase-Rate war rückläufig. Alles im grünen Bereich. Aber die Tendenz war klar.
Das ist wie ein Patient mit Brustschmerzen, leichter Atemnot und kaltem Schweiß. Noch kein Herzinfarkt. Aber die Vorboten sind da. Wer wartet, bis das EKG eindeutig ist, wartet zu lange. Wer jetzt handelt, kann den Infarkt verhindern. Oder zumindest den Schaden begrenzen. Aber ein Kardiologe würde jetzt eher ebenfalls Schweiß auf der Stirn haben ;-).
Auf einer Intensivstation würde man handeln. Man würde die Ursache suchen. Man würde die Baseline prüfen. Man würde schauen, welche Parameter zusammenhängen. Man würde eingreifen, bevor das System kollabiert.
Im Marketing sagt man: Alles im grünen Bereich. Und wartet, bis es rot wird. Das ist keine Strategie. Das ist Fahrlässigkeit.
Vitalparameter und KPIs haben eine Gemeinsamkeit: Sie zeigen nicht die Wahrheit. Sie zeigen Tendenzen. Sie zeigen, wohin das System sich bewegt. Und wer versteht, wie man Tendenzen liest, kann handeln, bevor die Zahlen kritisch werden. Aber dafür muss man die richtigen Metriken tracken. Und man muss verstehen, wie sie zusammenhängen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein E-Commerce-Unternehmen optimiert seine Kampagnen auf CAC. Cost per Acquisition. Man senkt den CAC von 50 Euro auf 35 Euro. Erfolg. Die Kampagne läuft besser.
Aber drei Monate später steigt die Churn Rate. Die Kunden, die man für 35 Euro gewonnen hat, bleiben kürzer. Sie kaufen seltener. Ihr Customer Lifetime Value ist niedriger. Der CAC ist gesunken, aber der LTV/CAC-Ratio ist schlechter geworden. Das System kompensiert. Man hat kurzfristig optimiert und langfristig verloren.
Das ist wie ein Patient, dem man ein Medikament gibt das den Blutdruck senkt. Der Blutdruck sinkt tatsächlich. Erfolg. Aber die Nieren beginnen zu versagen, weil der Druck zu niedrig ist. Man hat ein Symptom behandelt und das System destabilisiert. In der Intensivmedizin macht man das nicht. Dort schaut man nicht nur auf den Blutdruck. Man schaut auf den Blutdruck im Verhältnis zur Herzfrequenz, zur Sauerstoffsättigung, zur Atemfrequenz, zu den Nierenwerten, zum Laktat. Weil ein Wert ohne Kontext nichts aussagt. Weil es um das Zusammenspiel geht.
Im Marketing ist es genauso. CAC ohne LTV ist wertlos. Conversion Rate ohne Retention ist wertlos. Traffic ohne Engagement ist wertlos. Man muss die Metriken im Zusammenhang sehen. Sonst optimiert man das Falsche. Der Unterschied zwischen Vitalparametern und KPIs ist nicht die Technik. Es ist die Haltung. Auf einer Intensivstation schaut man hin, bevor etwas passiert. Im Marketing schaut man oft hin, nachdem etwas passiert ist. Oder man schaut auf die falschen Zahlen und merkt nicht, dass das System längst kippt.
Das muss sich ändern.
Marketing braucht keine besseren Dashboards. Marketing braucht bessere Diagnostik. Eine Kultur in der man nicht nur Zahlen abliest, sondern sie versteht. In der man Leading Indicators trackt, nicht nur Lagging Indicators. In der man das Zusammenspiel von Metriken versteht, nicht nur isolierte Werte. Und in der man handelt, bevor das System kollabiert.
Das ist keine Rocket Science. Das ist Aufmerksamkeit. Das ist Struktur. Das ist die Fähigkeit, hinzuschauen, auch wenn alles stabil aussieht. Und es ist die Fähigkeit die richtigen Fragen zu stellen, bevor die Zahlen rot werden.
Wer das interpretieren und verstehen will, sollte sich überlegen auf eine Intensivstation zu gehen. Und schauen wie dort mit Zahlen umgegangen wird. Nicht als Reporting. Nicht als Dashboard. Sondern als Frühwarnsystem.
Weil am Ende zählt nicht, was man misst. Sondern was man daraus macht.
Hinweis:
Das ist kein Vorwurf an Euch Marketer. Es ist keine Behauptung, dass schlecht gearbeitet wird. Die meisten Teams arbeiten hart, analysieren kontinuierlich und optimieren, wo sie können. Aber es ist ein Vorschlag das Ganze anders zu betrachten. Nicht als Reporting, sondern als Diagnostik. Nicht als Analyse dessen was passiert ist, sondern als Beobachtung dessen was gerade passiert. Nicht als Optimierung isolierter Metriken, sondern als Verständnis eines Systems, das nur im Zusammenspiel funktioniert.
Es geht nicht darum, besser zu arbeiten. Es geht darum anders hinzuschauen.