von Axel Hillebrandt
Warum ich bei KI-Bildern oft nicht mehr hinschaue.
... und warum ich bvei einem weiteren KI-Bild inzwischen einfach weiterscrolle ...
Ich sehe mittlerweile täglich Dutzende Bilder die aus einem Prompt entstanden sind, und ich merke, dass mein Blick einfach weiterzieht, ohne hängen zu bleiben. Nicht aus Ablehnung, sondern weil da nichts ist, woran er hängen bleiben könnte. Die abgerundete Person mit dem leicht zu großen Kopf, der Farbverlauf von Mint zu Blau, die schwebenden Icons um eine Figur herum, die konzentriert auf einen Laptop schaut, den es in der Szene gar nicht bräuchte. Das kommt aus Midjourney, aus Magnific, aus GPT, aus Gemini, aus Claude, und ich könnte es nach einer Weile nicht mehr auseinanderhalten, selbst wenn ich wollte. Die Tools unterscheiden sich in der Technik, aber sie sind auf denselben Bildgeschmack trainiert und liefern deshalb dieselbe Bildsprache, egal welchen Namen der Anbieter trägt.
Das eigentliche Problem ist nicht die Qualität der einzelnen Grafik. Die Auflösung stimmt, die Farben sind stimmig gewählt, die Komposition folgt sauber den Regeln, die man in einem Designkurs lernt. Das Problem ist, dass Millionen Menschen inzwischen genau diese Regeln von genau denselben Modellen abrufen und deshalb genau dasselbe Ergebnis bekommen. Wenn jede Marke, jeder Coach und jedes Startup dieselbe Illustration verwendet, verliert die Illustration ihre einzige Funktion, nämlich aufzufallen. Was bleibt, ist eine Art visuelles Grundrauschen, an das sich die Wahrnehmung so gewöhnt hat, dass sie es aussortiert, noch bevor das Bewusstsein überhaupt entscheiden könnte, ob es sich lohnt hinzuschauen. Das ist keine bewusste Ermüdung. Das ist Verstummen.
Was mir auffällt, wenn ich Patientenmaterialien aus unterschiedlichen Häusern vergleiche
Mir sind in den letzten Jahren (insbesondere der letzten Monate) in mehreren Kliniken dieselben Aufklärungsbögen und Infoblätter begegnet, die Angehörige über Besuchsregeln, Hygienemaßnahmen oder den Ablauf einer Aufnahme informieren sollen. Fast immer trägt so ein Blatt inzwischen ein freundliches KI-Bild, eine lächelnde, diverse Familie, die Hand in Hand an einem Bett steht, das keinem realen Bett in diesem Haus ähnelt. Und fast immer stehen Angehörige stattdessen vor dem einfachen laminierten Lageplan mit den Zimmernummern und lesen tatsächlich was dort steht, während sie an der Illustration vorbeigehen ohne den Blick zu heben. Der Unterschied liegt nicht in der Gestaltung. Er liegt darin, dass der eine Zettel eine Information trägt, die jemand in diesem Moment braucht, und der andere ein Gefühl behaupten will, das niemand in diesem Moment sucht.
Angehörige die ein Krankenhaus betreten wollen wissen, wo sie sich waschen sollen, wie lange sie bleiben dürfen und wen sie ansprechen können, wenn eine Frage auftaucht. Sie wollen keine Illustration die ihnen erzählt wie Fürsorge aussieht. Ein Bild, das aus einem Prompt entstanden ist, kann eine Stimmung erzeugen, aber es kann keine Orientierung geben, weil es keinen Bezug zu diesem konkreten Haus, diesem konkreten Flur oder dieser konkreten Situation hat. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem gut gemeinten visuellen Hilfsmittel und einer tatsächlichen Hilfe. Das eine signalisiert Zuwendung. Das andere leistet sie.
Wie Marken sich gegenseitig unsichtbar machen
Im Marketing sehe ich dieselbe Verwechslung, nur mit höherem Budget dahinter. Eine Marke soll unterscheidbar sein, wiedererkennbar, mit einem eigenen Gesicht. Genau dafür wurde visuelle Kommunikation einmal entwickelt. Inzwischen sehe ich das Gegenteil in (1) Pitch Decks, die alle mit derselben isometrischen Illustration eines Wachstumsdiagramms eröffnen, (2) Recruiting-Kampagnen, die alle dieselbe warme, leicht überzeichnete Teamszene zeigen, und (3) Employer-Branding-Postings auf LinkedIn, die sich so sehr gleichen, dass ich das Unternehmen erst über den Text erkenne und nicht über das Bild. Die Marke wollte auffallen und hat sich stattdessen in eine Bibliothek aus austauschbaren Motiven eingereiht, aus der sich auch der Wettbewerb bedient.
Das Ironische daran ist, dass genau die Unternehmen die am lautesten über Differenzierung sprechen, sich mit dieser Bildsprache am konsequentesten angleichen. Ein Prompt wird eingegeben, ein plausibles Ergebnis erscheint und niemand fragt mehr ob dieses Ergebnis überhaupt zur eigenen Geschichte passt oder ob es einfach nur schnell und günstig war. Aufmerksamkeit lässt sich nicht erzwingen, indem man dieselbe Fläche einnimmt wie alle anderen. Sie entsteht dort wo jemand etwas zeigt das es so nur einmal gibt und daran mangelt es der generierten Bildsprache strukturell und nicht zufällig.
Warum ein Notiz-Tool näher an Fürsorge ist als ein Bildgenerator
Wenn ich mit Werkzeugen wie Google Notebook arbeite fällt mir ein Unterschied auf, der mir zunehmend wichtiger erscheint als die Frage welches Bildmodell gerade das realistischste Gesicht erzeugt. Ein Bildgenerator beginnt bei nichts. Er nimmt einen Prompt und erfindet eine plausible Oberfläche dazu, die gut aussehen kann, aber keinen eigenen Ursprung hat. Ein Werkzeug wie Google Notebook beginnt bei etwas. Es nimmt vorhandenes Material, echte Dokumente, echte Notizen, echte Quellen, und ordnet sie zu einer Mindmap oder einer Übersicht, die zeigt was tatsächlich da ist. Das eine imaginiert eine Welt. Das andere macht eine vorhandene Welt lesbar.
Für Pflege und Marketing ist das derselbe Unterschied in zwei verschiedenen Räumen. Auf der Station braucht niemand ein Bild das eine Situation behauptet, sondern eine Übersicht die eine reale Situation ordnet, etwa welche Medikamente wann fällig sind oder welche Schritte ein Aufnahmeprozess umfasst. In der Markenkommunikation braucht niemand eine Illustration die Kompetenz behauptet, sondern eine Darstellung die reale Substanz zeigt, ein echtes Ergebnis, eine echte Zahl, ein echtes Zitat. Werkzeuge die aus vorhandenem Material etwas Verständliches machen, arbeiten näher an dem was Kümmern eigentlich bedeutet, als Werkzeuge die aus nichts etwas Ansehnliches machen.
Was Kümmern mit Bildern eigentlich zu tun hat
Mein Grundsatz lautet wie of geschrieben seit Jahren, dass Struktur Fürsorge ist. Angewendet auf Bilder heißt das, dass die Frage nie lauten sollte ob eine Grafik professionell wirkt, sondern ob sie jemandem tatsächlich hilft etwas zu verstehen oder sich zu orientieren. Auf der Intensivstation entscheidet diese Frage darüber, ob Angehörige in einem ohnehin belastenden Moment eine Antwort finden oder eine weitere Fläche ignorieren müssen. Im Marketing entscheidet dieselbe Frage darüber, ob eine Marke als eigenständig wahrgenommen wird oder in der allgemeinen Bildflut verschwindet. Und ja, hier in diesen schriftlichen Ergüssen habe ich auch einige KI (und markierte) Bilder verwendet.
Beide Bereiche eint ein Denkfehler der mE zur Serienreife gelangt ist. Man verwechselt die Geste der Zuwendung mit der Zuwendung selbst. Ein Bild einzufügen, weil eine Seite sonst zu leer aussieht, fühlt sich an wie eine Entscheidung für die Leser oder für die Patientinnen und Patienten, ist aber tatsächlich eine Entscheidung für die eigene Optik. Kümmern bedeutet sich vorher zu fragen, was die andere Person in diesem Moment braucht, und das ist fast nie ein weiteres, austauschbares Bild.
Was bleibt denn nun als Fazit?
Ich mag die KI-Bilder nicht grundsätzlich verurteilen, denn das wäre bequem und würde der eigentlichen Ursache ausweichen. Die Ursache liegt nicht im Werkzeug, sondern in der Entscheidung ein Werkzeug einzusetzen, um Substanz zu ersetzen statt sie zu ordnen. Ein Bildgenerator der eine plausible Szene aus dem Nichts erschafft, wird immer dieselbe visuelle Erschöpfung erzeugen, ganz gleich wie fortgeschritten das Modell wird. Ein Werkzeug, das reales Material sortiert und sichtbar macht bleibt dagegen wertvoll, weil es bei der Sache bleibt um die es eigentlich geht.
Für die Praxis heißt das weiterhin für mich in meiner selbstständigen Arbeit, weniger dekorative Illustration und mehr echte Diagramme, echte Fotos, echte Zahlen. Und wenn KI zum Einsatz kommt, dann eher um aus vorhandenem Material etwas Verständliches zu machen wie es Google Notebook tut, statt um aus einem leeren Blatt etwas Ansehnliches zu erfinden. Der Rest ist Rauschen. Und Rauschen hört irgendwann niemand mehr.
Spuren, die anderswo zu demselben Befund führen:
- AI slop, Wikipedia: Der Zustand hat inzwischen einen eigenen Eintrag bekommen, was selbst schon eine Aussage ist.
- The image after the future: ai slop and the collapse of meaning, Medium: Ein Essay darüber wie das Betrachten selbst ermüdet wird, lange bevor ein Bild irgendetwas bedeuten könnte.
- The 7Vs of AI Slop, A Typology of Generative Waste, SSRN: Der Versuch das Rauschen wissenschaftlich zu ordnen, was dem Rauschen selbst schon ziemlich ähnlich sieht.
- Banner Blindness Revisited, Nielsen Norman Group: Die Forschung dazu, wie zuverlässig Menschen lernen ganze Flächen einer Seite gar nicht mehr zu sehen.
- NotebookLM, Exploring a source-grounded AI tool: Warum ein Werkzeug, das an echten Quellen hängt, etwas grundsätzlich anderes tut als eines das freie Bilder erfindet.