von Axel Hillebrandt
Wer nicht handelt, entscheidet trotzdem: Über das Risiko der Untätigkeit
Auf der Intensivstation gibt es keine neutrale Position. Kein Abwarten ohne Konsequenz. Kein „Wir beobachten das mal" ohne Preis. Jede Nicht-Entscheidung ist eine Entscheidung. Für den Status quo. Für das, was gerade passiert. Und auf der Intensivstation passiert gerade meistens etwas Schlechtes. Vitalparameter verschlechtern sich nicht linear. Sie driften. Langsam, manchmal fast unmerklich. Und dann kippen sie. Wer zu lange wartet, hat nicht mehr Optionen. Er hat weniger.... das muss man manchmal auch bitter erlernen. Der Handlungsspielraum, der vor einer Stunde noch existierte, ist weg. Die Intervention, die vorhin noch gewirkt hätte, reicht jetzt nicht mehr. Das ist keine Theorie. Das ist Alltag.
Die Illusion der sicheren Option
Es gibt einen Reflex der in fast jedem Menschen steckt: Im Zweifel nichts tun. Abwarten. Mehr Informationen sammeln. Sich absichern, bevor man handelt. In manchen Situationen ist das klug. In vielen ist es tödlich. Der Reflex basiert auf einer Annahme, die selten stimmt: dass Abwarten kostenlos ist. Dass der Zustand, den wir gerade beobachten, stabil bleibt, während wir überlegen. Dass Zeit neutral verstreicht. Auf der Intensivstation und im Rettungsdienst lernt man schnell, dass das nicht stimmt. Zeit ist nicht neutral. Sie arbeitet für oder gegen dich. Und meistens arbeitet sie gegen dich.
Ein Patient mit fallendem Blutdruck wird nicht stabiler, während du auf den Laborwert wartest und schaust ob er septischer wird. Ein septischer Verlauf kehrt sich nicht von selbst um, während du die zweite Meinung einholst. Die Frage ist nie: Handle ich oder handle ich nicht? Die Frage ist: Was kostet mich das Handeln, und was kostet mich das Nicht-Handeln? Risiko ist relativ. Immer.
Triage-Denken
Triage bedeutet: Entscheiden unter Unsicherheit. Mit unvollständigen Informationen. Unter Zeitdruck. Ohne die Garantie, dass die Entscheidung richtig ist. Das klingt brutal? Es ist die Realität. Was Triage lehrt, ist nicht Härte. Es ist Klarheit. Die Klarheit, dass Nicht-Entscheiden keine Option ist. Dass jede Minute, die verstreicht, die Ausgangslage verändert. Dass die sichere Option nicht existiert, nur unterschiedlich riskante Alternativen.
Erfahrenes Pflegepersonal & Ärzte, entwickeln ein Gespür dafür, wann Eingreifen riskanter ist als Beobachten und wann das Verhältnis kippt. Es gibt Momente in denen Ruhe richtig ist. In denen der Körper Zeit braucht, nicht Intervention. Aber es gibt auch Momente in denen Ruhe fahrlässig ist. In denen jede verstreichende Minute den Preis erhöht. Den Unterschied zu erkennen ist keine Begabung. Es ist Training. Erfahrung. Und die Bereitschaft mit Unsicherheit zu handeln, statt auf Gewissheit zu warten die nie kommt.
In Unternehmen heißt Triage selten Triage. Sie heißt Portfolio-Bereinigung. Ressourcenallokation. Strategische Priorisierung. Aber das Prinzip ist dasselbe: Nicht alles kann gerettet werden. Nicht alles verdient dieselbe Aufmerksamkeit. Wer so tut als könnte er alles gleichzeitig am Leben halten, verliert am Ende mehr als er retten wollte.
Ein Produktportfolio mit zwanzig Artikeln, von denen fünf profitabel sind und fünfzehn Ressourcen verbrennen, braucht Triage. Ein Team, das an sechs Projekten gleichzeitig arbeitet und keines richtig abschließt, braucht Triage. Eine Führungskraft, die jedem Problem dieselbe Priorität gibt, trifft keine Entscheidung. Sie verschiebt sie, bis die Umstände entscheiden.
Triage ist unbequem. Sie zwingt zur Aussage: Das hier ist wichtiger als das. Dieser Bereich bekommt Ressourcen, jener nicht. Dieses Produkt hat Zukunft, jenes nicht. Wer diese Entscheidungen nicht trifft, trifft sie trotzdem. Nur eben passiv. Durch Verzettelung. Durch Erschöpfung. Durch den langsamen Verfall dessen, was eigentlich hätte gerettet werden können.
"Jaguar"
Der britische Autohersteller hat Ende 2024 seine Marke radikal neu positioniert. Die Reaktionen waren vorhersehbar: mutig, riskant, gewagt. Von außen betrachtet stimmt das. Von innen sieht es anders aus. Wer die Verkaufszahlen kennt, weiß: Der riskanteste Weg wäre gewesen, nichts zu tun. Die Marke wäre in zehn Jahren irrelevant gewesen, wäre die Priorisierung auf Stromer nicht erfolgt. Was mutig aussieht, war die Option mit dem geringsten Risiko... gemessen an der Alternative. So funktioniert Risiko. Es ist nie absolut. Es ist immer relativ zu dem, was auf dem Spiel steht. Und manchmal ist das Nicht-Eingehen von Risiken das größte Risiko von allen. So sieht es ein Jahr danach aus.
WARTEN IST AUCH EINE ENTSCHEIDUNG.