OUT OF BRAIN

von Axel Hillebrandt

KI frisst Deine Frösche nicht.

Abstrakte grafische Komposition im Bauhaus-Stil mit Kreisen, einem Dreieck, einer diagonalen Linie und einer Reihe kleiner Punkte in Grün- und Schwarztönen auf hellem Hintergrund.“

Mark Twain hat den Satz nie gesagt. Das vorweg, weil der Spruch vom Frosch, den man morgens als Erstes essen soll, damit einem den Rest des Tages nichts Schlimmeres passiert, in ungefähr jeder zweiten Produktivitätspräsentation mit Twain-Porträt daherkommt. Die Rechercheure von Quote Investigator haben die Spur zurückverfolgt und landen beim französischen Schriftsteller Nicolas Chamfort, der um 1795 sinngemäß schrieb, man solle jeden Morgen eine Kröte schlucken, um für den Rest des Tages gegen den Ekel der guten Gesellschaft gewappnet zu sein. Twain war zu dem Zeitpunkt noch nicht mal geboren. Die Verbindung zu ihm taucht erst in den Achtzigern auf, also gut siebzig Jahre nach seinem Tod. Aber hey, mit Twain verkauft sich ein Zitat eben besser als mit einem französischen Aristokraten, den keiner kennt.

Richtig groß gemacht hat den Frosch dann Brian Tracy mit seinem Buch "Eat That Frog". Die Idee dahinter ist simpel und ehrlich gesagt nicht falsch: Erledige die schwerste, unangenehmste Aufgabe des Tages zuerst, denn solange sie unerledigt vor Dir liegt, frisst sie Dich, statt dass Du sie frisst. Prokrastination funktioniert nämlich genau so. Die aufgeschobene Aufgabe verschwindet nicht, denn sie wächst. Was heute ein Frosch ist, ist nächste Woche eine Kröte und in einem Monat ein ausgewachsenes Monster, das Dir schon beim Aufwachen auf der Brust sitzt.

Warum die Methode trotzdem oft ins Leere läuft

Das Problem an "Friss den Frosch" ist nicht die Methode, sondern die Inventur davor. Die meisten Menschen sortieren nämlich falsch, was überhaupt ein (ihrer) Frosch ist. Auf der To-do-Liste landen unter "unangenehm" zwei völlig verschiedene Sorten von Aufgaben: (1) Dinge, die lästig sind, also Zeit kosten und keinen Spaß machen, wie Protokolle, Auswertungen, Dokumentation und der ganze administrative Kleinkram, und (2) Dinge, die schwer sind, also Überwindung kosten, wie das Gespräch mit dem Mitarbeiter, der seit Wochen unter Niveau arbeitet, oder das Eingeständnis, dass ein Projekt tot ist und weiter Geld verbrennt.

Lästig und schwer fühlen sich beim Blick auf die Liste ähnlich an. Beides schiebt man gern vor sich her, aber es sind unterschiedliche Währungen. Lästiges kostet Zeit, Schweres kostet Mut. Jahrzehntelang konnte man das eine hinter dem anderen verstecken. Wer den ganzen Tag Berichte schrieb, hatte eine wasserdichte Begründung, warum das schwierige Gespräch schon wieder nicht stattgefunden hat oder sogar seine Daseinsberechtigung. Der Kalender war voll, die Aufgabenliste lang, und irgendwie fühlte sich das sogar nach Fleiß an.

KI frisst die falschen Frösche

Und jetzt kommt die KI und räumt genau diese Deckung ab. Denn was die Maschine wirklich gut kann ist das Lästige: erste Entwürfe, Zusammenfassungen, Recherche, Auswertungen, Formulierungen für die dritte Erinnerungsmail. Das sind die Aufgaben, die auf der Liste wie Frösche aussahen, aber eigentlich nur Kaulquappen waren. Die frisst Dir die KI weg, schneller und klagloser als jeder Praktikant.

Was übrig bleibt, sind die echten Frösche. Die Entscheidung die jemanden enttäuschen wird. Das Feedback das der Kollege nicht hören will. Der Anruf beim Kunden bei dem Du einen Fehler einräumen musst. Für nichts davon gibt es einen Prompt, denn das Schwere daran war nie die Formulierung, sondern der Moment in dem Du den Satz einem Menschen ins Gesicht sagst. Ich habe darüber schon einmal geschrieben, in "Jemand muss es sagen", und die KI ändert an diesem Befund genau nichts. Sie verschärft ihn!

Denn die alte Ausrede stirbt. Wer heute sagt er komme vor lauter Arbeit nicht dazu das Gespräch zu führen, dem nimmt die Maschine gerade in Echtzeit die Beweislast weg. Wenn die Berichte in einem Drittel der Zeit fertig sind und das Gespräch trotzdem nicht stattfindet, dann fehlte nie die Zeit. Dann fehlte der Mut. Das ist die unbequeme Wahrheit hinter all den Effizienzversprechen: KI macht Dich nicht zu einem besseren Chef/Kollegen/Mitarbeiter, sie macht nur sichtbar was für einer Du bist, wenn die Beschäftigung als Tarnung wegfällt.

Wie man den Frosch auf der Intensivstation frisst

Ich arbeite seit 34 Jahren in der Pflege und davon 26 auf Intensivstationen und ich kann Dir sagen, dass es dort keinen Ort gibt an dem sich Frösche verstecken können. Eine Schicht dauert acht Stunden und was Du am Anfang liegen lässt, holt Dich am Ende garantiert ein, meistens dann, wenn Du am wenigsten Reserven hast.

Ein Frosch, den auf der Intensivstation jeder kennt und den fast jeder gern nach hinten schiebt, ist der Systemwechsel. Die Hygienevorgaben, die i.d.R. auf den Empfehlungen der KRINKO (Link 2 zu Wikipedia) beruhen, geben feste Intervalle vor, nach denen die Infusions- und Perfusorleitungen gewechselt werden müssen, für die meisten Systeme spätestens nach 96 Stunden, bei lipidhaltigen (fetthaltig) Lösungen schon nach 24 Stunden, bei Propofol sogar nach wenigen Stunden. Das klingt nach Buchhaltung, ist aber Infektionsschutz, weil an jedem dieser Zugänge eine Sepsis hängt, wenn man schlampt. Und jetzt stell Dir einen beatmeten Intensivpatienten vor, an dem 15 Perfusoren laufen, dazu die Beatmung, mehrere Zugänge, eine Hahnenbank, das ganze Programm. Der Wechsel all dieser Leitungen ist keine Fünf-Minuten-Sache. Das ist eine mind. dreiviertelstündige, hochkonzentrierte, streng steril durchgeführte Arbeit, bei der ein einziger unsauberer Handgriff reicht um genau die Infektion einzuschleppen, die das ganze Ritual verhindern soll.

Das eigentlich Fiese daran ist, dass man dabei nicht einfach alles abstellen und neu anschließen kann. Katecholamine zum Beispiel, also die Medikamente, die den Kreislauf am Laufen halten, dürfen keine Sekunde aussetzen, weil der Blutdruck sonst wegsackt. Die wechselt man deshalb im "Tandem" (das ist eine Möglichkeit), man legt die frische Spritze parallel auf einen zweiten Perfusor, fährt sie langsam hoch, während die alte noch läuft und stellt erst dann um, wenn man sicher ist dass der Patient nichts merkt. Das kostet Ruhe, Vorbereitung und volle Aufmerksamkeit und genau deshalb ist die Versuchung groß es auf "gleich" oder "nach der Visite" oder "wenn die Kollegin zurück ist" zu verschieben.

Was mir über die Jahre geholfen hat, lässt sich auf drei Dinge eindampfen: (1) Der Frosch kommt an den Anfang der Schicht. Direkt nach der Übergabe, wenn der Kopf noch klar ist und die Hände noch ruhig (willig) sind, nicht in Stunde sieben, wenn beides aufgebraucht ist und die sterile Präzision leidet. (2) Der Frosch wird laut ausgesprochen. Wenn ich in der Übergabe ansage, dass ich vor der Pause den kompletten Systemwechsel bei Bett drei mache, dann ist das keine private Absicht mehr, sondern eine Verabredung mit dem Team das mir dafür den Rücken freihält. Ein ausgesprochener Frosch kann sich nicht mehr verstecken. (3) Der Frosch wird nicht schöngeredet. Der Wechsel wird nicht kleiner, wenn ich ihn drei Stunden vor mir herschiebe, er wird nur dringlicher und irgendwann läuft mir das Intervall davon und ich mache die sterile Arbeit unter Zeitdruck, was ungefähr das Gegenteil von dem ist was sie sein soll.

Das Interessante daran ist, dass diese Logik nichts mit Heldentum zu tun hat, sondern mit Fürsorge. Der zuerst gefressene Frosch ist auf einer Intensivstation nämlich fast immer einer, an dem ein Mensch hängt. Der Patient, dessen Leitungen sauber und rechtzeitig gewechselt sind, bevor sich eine Keimstraße bildet. Die Kollegin im Spätdienst, die keinen halb erledigten Wechsel und keine überzogenen Intervalle erbt. Wer den Frosch schiebt, schiebt in Wahrheit ein Risiko auf jemand anderen. Das kann man sich im Büro genauso an die Wand hängen wie im Dienstzimmer.

Was bleibt denn nun als Fazit?

Die Froschmethode ist gut, aber sie braucht ein rituelles Update. Früher (bisher) lautete die Frage, welche Aufgabe die unangenehmste ist. Heute lautet sie, welche Aufgabe nur Dir und wann gehört. Alles was lästig ist, kannst Du zunehmend abgeben, an Werkzeuge, die weder Ekel noch Aufschieberitis kennen. Was Du nicht abgeben kannst ist das Schwere, also alles wo am anderen Ende ein Mensch sitzt und eine Reaktion zeigt, die Du aushalten musst.

KI frisst Deine Frösche nicht. Sie sortiert nur den Deinen Teich und wenn das Wasser klar ist, sitzt da immer noch einer, der groß, hässlich und geduldig ist. Der aufbelähte Sack schaut Dich aber immer noch an und der gehört Dir.

Guten Appetit.... könnte man sagen.

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E-Mail: axel(at)axelhillebrandt.de

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