OUT OF BRAIN

von Axel Hillebrandt

Problemlösung mal anders

Schematische technische Zeichnung eines Bleistifts mit Maßlinien und Maßangaben zur Veranschaulichung von Proportionen und Abmessungen.
Problemlösung mal anders

Wer löst Deins, oder wie willste Deins lösen?

Fury in the Slaughterhouse haben in den Neunzigern einen Song geschrieben der mir nie mehr aus dem Kopf ging: Radio Orchid. Eine alte Frau verliert ihren Mann und geht danach nicht mehr raus. Sie kauft von seinem Erbe einen Radiosender und  sitzt 10 Stundden am Tag im Studio und hört fremden Menschen zu die nicht mehr weiterwissen.

Am Ende bleibt mein persönlicher Satz hängen, denn Sie löst die Probleme von Millionen aber wer löst eigetnlich ihre?

Ich arbeite stand Heute seit 33 Jahren in der Pflege und davon 26 auf Intensivstationen. Ich mach das immer noch und das soll kein Rückblick sein, sondern mein aktueller Alltag. Und ich sag Dir: Der Satz aus dem Song ist kein Songtext-Kitsch. Auf jeder Station läuft dieselbe Rechnung und im geschäftlichen Kontext ebenfalls.

Wer trägt (oder tragen muss) wird selten gefragt ob er noch tragen kann und wann es an die eigentliche Grenze kommt.

Pflege heißt zuhören obwohl man selbst am Limit ist. Die Hand halten während der eigene Rücken schmerzt und die Nacht davor kurz war. Hier haben wir ein Handwerk mit einem Webfehler drin, denn die Zuwendung fließt fast nur in eine Richtung. Der Patient bekommt sie und das ist richtig so. Aber wer fragt zurück wie es der Pflegekraft geht? Intrahospital ist es das eine Thema, aber außerhalb interessiert es wirklich keine "Sau". Erst wenn Angehörige oder man selbst im Krankenbett liegt bekommt die Sicht eine andere Perspektive. Die "Hoffnung" ist es eine motivierte, hoch gebildete Pflegekraft am Bett stehen zu haben, die (1) alles richtig macht, (2) Bock hat zu grinsen, (3) die richtigen Worte findet, (4) immer auf den fachlichen Stand der Bildung ist und (5) auch Morgen wieder nach einem kurzen Nickerchen am Bett steht.

Was mich tatsächlich "trägt" oder besser gesagt überleben läßt

Bei mir war es nie der Job (egal ob Wirtschaft oder Pflege) allein der mich über die harten Jahre gebracht hat. Es war meine Familie zuhause, die gewartet hat wenn ich spät kam oder gar nicht, die ausgehalten hat dass ich nach einer Schicht auf Intensiv erstmal eine Stunde brauchte bevor ich überhaupt wieder ansprechbar war oder nach einem 11 Stunden Tag im Business mich neu aufladen musste. Dafür bin ich dankbar, jeden Tag aufs Neue und ich glaube das wird viel zu selten ausgesprochen. Man redet über Resilienz und Selbstfürsorge und meint eigentlich Menschen die zuhause auf einen warten und einen auffangen wenn draußen nichts mehr trägt. Das ist keine Floskel von mir, das ist die ehrliche Basis unter allem was ich beruflich tue, auch heute noch: parallel zur Pflege, in meiner Arbeit als Freelancer im Marketing.

In der Markenarbeit dasselbe Spiel

Ich seh das gleiche Muster bei Freelancern und Beratern, nur mit Anzug statt Kittel. Wer als Freelancer im Marketing seinen Job ernst nimmt, macht am Ende genau das was die Dame (Radio Orchid) am Mikrofon macht. Zuhören wenn ein Unternehmen orientierungslos ist. Ordnung reinbringen wo Chaos war. Den Anruf annehmen wenn die Kampagne baden geht.

Aber wer fragt einen Freelancer ob seine eigene Positionierung noch trägt? Kaum wer. Wir bauen Wachstumspläne für fremde Firmen und vergessen dabei ziemlich oft unsere eigene. Kein Vorwurf an die Branche. Ich erwisch mich dabei selbst.

Ehrlichkeit ist keine Unhöflichkeit

Was ich in beiden Welten gelernt habe (oder vielmeher "durfte": Direkt zu sein wird schnell als kalt oder überheblich/arrogant ausgelegt. Dabei ist es das Gegenteil, denn auf Intensiv rettet Dich eine klare, ehrliche Ansage öfter als ein vorsichtig verpacktes Vielleicht. Wenn ich einem Kollegen sage die Werte sind schlecht (!) wir müssen jetzt handeln, dann ist das keine Attacke sondern das ist die Orientierung die gerade gebraucht wird. Genauso als Freelancern wenn ich einem Kunden sage die Positionierung trägt nicht, dann ist das kein Angriff auf seine Firma. Das ist der Punkt an dem er die Richtung korrigieren kann bevor er (wir) falsch abbiegt.

Das Problem entsteht erst wenn der Empfänger diese Ehrlichkeit persönlich nimmt. Und da hab ich selbst lange gebraucht bis ich gelernt habe, Kritik an meiner Arbeit nicht als Kritik an mir zu lesen.

Die Methode, die mir dabei hilft - aber auch nicht immer löst.

Es gibt in der Achtsamkeitsarbeit der Dialektisch-Behavioralen Therapie kurz DBT, eine Übung die ich mir aus einem ganz anderen Zusammenhang geliehen habe. Die DBT wurde ursprünglich entwickelt um Menschen zu helfen die von ihren eigenen Gefühlen überflutet werden und ein Kernbaustein davon ist ein Skill namens Beschreiben. Die Idee dahinter: Bevor Du eine Situation bewertest, beschreibst Du erstmal nur was objektiv da ist. Keine Interpretation, keine Geschichte drumherum, nur die nackten Fakten.

Lass mich das komplett mit einem Bleistift durchspielen, weil das die klassische Übung dafür ist.

Der bewertende Blick (Deiner) sagt: Das ist ein Bleistift, er ist spitz, also potenziell gefährlich oder er sieht billig aus, oder er erinnert mich an die Schule und das war eine anstrengende Zeit. Alles davon ist Interpretation und hat mit dem Bleistift selbst wenig zu tun und viel mit meiner eigenen Geschichte.

Der beschreibende Blick sagt nun etwas ganz anderes: Ein länglicher Gegenstand, ungefähr 17 Zentimeter lang, sechseckiger Querschnitt, gelb lackiert, an einem Ende auf wenige Millimeter zulaufend, dort eine dunkelgraue Spitze, am anderen Ende ein rosa Aufsatz mit einer kleinen Metallmanschette. Und das ist es ganz ohne Wertung, Gefühl, oder einem (subjektiven) Urteil. Nur das was ein Kamera-Sensor auch aufzeichnen würde.

Genau diese Trennung übertrage ich jetzt auf Feedback und auf Kritik die mich trifft. Wenn ein Kunde sagt der Entwurf funktioniert für mich nicht, dann ist die bewertende Version in meinem Kopf sofort: Der hält mich für schlecht, der zweifelt an mir, vielleicht bin ich in dem Bereich einfach nicht gut genug. Alles Geschichten, keine davon steht so im Raum. Etwas kannst Du auch über die "Glocke" hier bei mir lesen.

Die beschreibende Version lautet stattdessen: Eine Person hat zu einem bestimmten Entwurf an einem bestimmten Tag gesagt, dass er aus ihrer Sicht nicht funktioniert. Mehr ist zunächst nicht passiert. Kein Urteil über mich als Mensch, keine Prognose über meine Zukunft, kein Kommentar zu meinem Wert. Nur eine Aussage einer Person zu einem Gegenstand an einem Tag.

Und trotzdem, ganz ehrlich will ich hier nichts schönreden. So gut diese Übung funktioniert, so oft bleibt danach ein Rest übrig, nämlich ein leises, fast diffuses Gefühl ob da nicht doch mehr mitschwang als nur die nackte Aussage. Ob im Tonfall nicht doch ein kleiner Seitenhieb steckte. Ob zwischen den Zeilen nicht doch etwas Persönliches gemeint war. Das passiert mir bis heute, nach über drei Jahrzehnten in der Pflege und all den Jahren in der Wirtschaft dazu. Ich beschreibe den Bleistift, und trotzdem fragt ein Teil von mir leise weiter ob da nicht doch ein Diss drinsteckte.

Ich glaube das ist menschlich und ich glaube auch dass es genau da gefährlich wird wenn man sich selbst belügt und behauptet, man hätte das komplett im Griff. Die ehrliche Version ist eher: Ich beschreibe, um mir selbst Boden unter die Füße zu geben und ich lasse den mystischen Rest daneben stehen, ohne ihn sofort zu einer Wahrheit zu erklären. Ich handle danach so als wäre nur die Beschreibung wahr, auch wenn ein kleiner Zweifel im Hintergrund weiterläuft. Das ist kein Widerspruch für mich, das ist einfach der Unterschied zwischen einem Gefühl und einer Tatsache, und beide dürfen gleichzeitig existieren.

Der Fehler ist nicht dass Menschen sich kümmern. Der Fehler ist dass wir Kümmern für eine Charaktersache halten statt für eine Aufgabe die man aktiv einbaut, mit Menschen die einen auffangen, mit Ehrlichkeit die orientiert statt verletzt, und mit der Fähigkeit Kritik erstmal zu beschreiben statt sofort zu bewerten, auch wenn der Zweifel manchmal trotzdem bleibt. Immerhin kriegen wir dafür "Kohle".

Was die alte Dame im Song macht ist im Grunde schon ein fester Ablauf, aber der Ablauf hat für mich diese eine Lücke. Er sorgt für die Anrufer und nicht für die Frau am Mikrofon. Bei mir sind es meine Familie und die Dankbarkeit dafür, die diese Lücke füllen. Ohne die beiden hätte ich die Jahre auf Intensiv und Wirtschaft nicht so durchgehalten wie ich sie durchhalte, bis heute.

Was bleibt denn nun als Fazit?

Am Ende stirbt die alte Frau im Song, und der Refrain sagt: Dann leben wir alle allein. Wer sich kümmert hält oft mehr zusammen als irgendwer merkt. Fehlt diese Person, sieht man erst hinterher wie viel an ihr hing.

Meine These (Überzeugung vielleicht sogar) bleibt einfach. Wer sich kümmert braucht selbst jemanden der zurückfragt und wer ehrlich ist braucht die Fähigkeit, das Echo darauf erstmal zu beschreiben statt zu bewerten, auch wenn ein Rest Zweifel bleibt. Sonst ist Kümmern eine sehr lange Einbahnstraße an deren Ende irgendwann keiner mehr steht.

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E-Mail: axel(at)axelhillebrandt.de

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