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OUT OF BRAIN

von Axel Hillebrandt

Warum die Diskussionskultur tot ist und wie man sie wiederbelebt.

KI generierte grafische Illustration von zwei gegenüberliegenden Brücken, die sich symmetrisch spiegeln. Die Konstruktion ist in klaren geometrischen Formen gehalten, mit farbigen Flächen in Türkis, Rot und Beige, die strahlenförmig dahinter sind.

Wir haben aufgehört richtig zu diskutieren. Wir empören uns. Wir stellen Menschen in Ecken. Wir suchen Bestätigung, keine Wahrheit. Und wer trotzdem ehrlich spricht wird zerrissen; nicht widerlegt, sondern moralisch abgestraft.

Das ist keine Diskussionskultur. Das ist Lagerdenken. Und es macht uns alle dümmer. Es gab einmal eine Zeit in der man diskutieren konnte, ohne sofort in eine Ecke gestellt zu werden. In der man eine Meinung haben konnte, ohne dass einem unterstellt wurde, man sei gegen eine ganze Gruppe von Menschen. In der man widersprechen konnte, ohne als moralisch verwerflich zu gelten. National Geographic hat dazu einen interessanten Artikel aus 04/2024. Diese Zeit ist vorbei.

Heute reicht ein falsches Wort, eine unbequeme Frage, eine kritische Haltung und man ist raus. Nicht aus der Diskussion. Aus der Gemeinschaft derer, mit denen man überhaupt noch reden darf. Das ist kein Fortschritt. Das ist Regression. Das ist die Rückkehr zu einer Zeit in der nicht das beste Argument zählte, sondern die Zugehörigkeit zum richtigen Lager. Ich habe es erleben müssen. Ich habe geschrieben, dass Inklusion keine Sprache ist. Das Gendern Symbolpolitik ist, während Menschen mit Behinderungen keinen Mindestlohn bekommen. Dass man sich auf Sternchen konzentriert, während echte Barrieren bestehen bleiben.

Die Reaktion war nicht: "Lass uns darüber diskutieren." Die Reaktion war: "Du bist gegen Inklusion." Aber das stimmt nicht. Ich bin nicht gegen Inklusion. Ich bin gegen Ablenkung. Ich bin gegen die Illusion dass man inklusiv ist, nur weil man gendert. Aber das darf man nicht sagen. Weil man dann in eine Ecke gestellt wird. Weil man dann nicht mehr Teil der richtigen Seite ist. Weil man dann als jemand gilt der "das nicht verstanden hat".

Ich habe auch geschrieben, dass Gleichstellung keine Rache ist. Dass man keine Männer entlassen sollte nur um Platz für Frauen zu schaffen. Dass Quoten keine Gerechtigkeit sind, wenn sie neue Ungerechtigkeit schaffen. Die Reaktion war nicht: "Lass uns darüber diskutieren." Die Reaktion war: "Du bist frauenfeindlich." Aber das stimmt nicht. Ich bin nicht frauenfeindlich. Ich bin gegen Ungerechtigkeit. Gegen jeden. Egal, wen sie trifft.

Aber das darf man nicht sagen. Weil man dann in eine Ecke gestellt wird. Weil Kritik an Quoten automatisch bedeutet dass man gegen Gleichstellung ist. Weil man nicht mehr differenzieren darf zwischen einer Idee und der Art, wie sie umgesetzt wird. Instagram ist voll davon. Die Max-Planck-Gesellschaft hat einen sehr interessanten Artikel dazu. Hier ist der Link.

Grafik "Schaden und Nutzen für die Demokratie"


Das ist das Problem. Wir haben aufgehört zu differenzieren. Wir haben aufgehört Argumente von Absichten zu trennen. Wir haben aufgehört Kritik als Kritik zu verstehen und lesen sie als (persönlichen) Angriff. Und wer einen Angriff sieht verteidigt sich nicht mit Argumenten. Er verteidigt sich mit Moral. Er sagt nicht: "Dein Argument ist falsch, weil..." Er sagt: "Du bist falsch, weil du ein schlechter Mensch bist." Das ist keine Diskussion. Das ist Exkommunikation.

Warum wir aufgehört haben zu diskutieren

Es gibt meiner Meinung nach mehrere Gründe, warum unsere gesellschaftliche Diskussionskultur gestorben ist.

Der erste Grund ist: Wir haben Moral mit Wahrheit verwechselt. Wir glauben, dass das moralisch Richtige automatisch das faktisch Richtige ist. Dass man nur auf der richtigen Seite stehen muss um recht zu haben. Dass man nicht argumentieren muss, wenn man auf der Seite des Guten steht. Aber das stimmt auch nicht. Moral ist keine Wahrheit. Moral ist eine Haltung. Und Haltungen können falsch sein. Auch wenn sie gut gemeint sind. Man kann für Gleichstellung sein und trotzdem falsche Mittel wählen. Man kann für Inklusion sein und trotzdem Symbolpolitik betreiben. Man kann gegen Diskriminierung sein und trotzdem neue Diskriminierung schaffen. Aber das darf man nicht sagen. Weil man dann gegen die Moral verstößt. Und wer gegen die Moral verstößt, hat automatisch unrecht.

Der zweite Grund ist: Wir haben Kritik mit Hass verwechselt. Wenn jemand eine Idee kritisiert, glauben wir dass er die Menschen hasst, für die die Idee gedacht ist. Wenn jemand Quoten kritisiert, glauben wir das er Frauen hasst. Wenn jemand Gendern kritisiert, glauben wir dass er gegen Inklusion ist. Aber das stimmt ebenfalls nicht. Kritik an einer Idee ist keine Ablehnung der Menschen, für die die Idee gedacht ist. Kritik ist der Versuch bessere Lösungen zu finden. Kritik ist die Grundlage von Fortschritt. Aber wir haben Kritik kriminalisiert. Wir behandeln sie wie einen Angriff. Und wer angreift wird nicht widerlegt, sondern ausgegrenzt, entlassen, zermürbt.

Der dritte Grund ist: Wir haben Bestätigung mit Diskussion verwechselt. Wir suchen keine Diskussionen mehr. Wir suchen Bestätigung. Wir wollen hören dass wir recht haben. Wir wollen umgeben sein von Menschen die genauso denken wie wir. Wir wollen nicht hinterfragt werden. Und die sozialen Medien verstärken das. Sie zeigen uns was wir sehen wollen. Sie verbinden uns mit Menschen, die genauso denken wie wir. Sie schaffen Echokammern, in denen wir uns gegenseitig bestätigen, dass wir recht haben. Aber das ist keine Diskussion. Das ist Selbstgespräch.

Der vierte Grund ist: Wir haben vergessen dass Diskussion unbequem sein muss. Diskussion bedeutet nicht dass alle nett sind. Diskussion bedeutet dass man unbequeme Fragen stellt. Das man widerspricht. Das man Argumente prüft. Das man sich irren kann. Aber wir wollen keine unbequemen Fragen mehr. Wir wollen keine Widersprüche. Wir wollen keine Unsicherheit. Wir wollen Klarheit. Und Klarheit bekommen wir, indem wir alles was uns widerspricht ausschließen oder sogar "eliminieren". Aber das ist keine Klarheit. Das ist Blindheit.

Was das mit uns macht

Wenn man nicht mehr diskutieren kann wird man dümmer. Nicht weil man dumm ist. Sondern weil man nicht mehr gezwungen ist die eigenen Argumente zu prüfen. So wie wenn man seine Argumentationskette per KI generiert. Wenn niemand widerspricht, muss man nicht nachdenken. Wenn niemand kritisiert, muss man nicht erklären. Wenn niemand fragt, muss man nicht antworten. Und so entsteht eine Kultur in der Behauptungen reichen. In der Moral Argumente ersetzt. In der man recht hat, weil man auf der richtigen Seite steht, nicht weil man richtig argumentiert.

Das ist gefährlich. Nicht nur für die Diskussionskultur. Sondern für die Gesellschaft. Eine Gesellschaft die nicht mehr diskutieren kann, kann nicht mehr lernen. Sie kann nicht mehr ihre Fehler korrigieren. Sie kann nicht mehr bessere Lösungen finden. Sie kann nur noch in Lagern denken. Und Lagerdenken führt zu Spaltung. Hatten wir ja schon einmal in diesem Land.

Ich sehe das jeden Tag. In den sozialen Medien. In den Medien. In Unternehmen. In der Politik. Menschen werden nicht mehr für ihre Argumente beurteilt, sondern für ihre Zugehörigkeit. Nicht dafür was sie sagen, sondern dafür zu welchem Lager sie gehören. Und wer im falschen Lager ist, hat automatisch unrecht. Egal was er sagt. Das ist keine Diskussionskultur. Das ist Tribalismus.

Unsere Diskussionskultur ist nicht tot, weil die Menschen böse sind. Sie ist tot, weil wir vergessen haben wie man diskutiert.
Was denke ich dazu und was habe ich gelernt, bzw. lernen müssen?

  1. Trenne die Person vom Argument.
    Wenn jemand etwas sagt das du ablehnst, greif nicht die Person an. Greif das Argument an. Frag dich nicht: "Was für ein Mensch ist das?" Frag dich: "Stimmt das was er sagt?"
    Das bedeutet nicht dass du allem zustimmen musst. Das bedeutet nur dass du ehrlich bleibst. Dass du sachlich bleibst. Dass du nicht moralisch urteilst, sondern argumentierst.
  2. Höre zu, bevor du urteilst.
    Die meisten Diskussionen scheitern weil niemand zuhört. Wir hören die ersten drei Wörter, ordnen die Person einem Lager zu und hören auf zu denken. Aber Diskussion bedeutet zuzuhören. Nicht um zu antworten. Sondern um zu verstehen. Und erst dann zu antworten. Ist so wie mit der "Glocke".
  3. Frage nach, statt zu unterstellen.
    Wenn du etwas nicht verstehst, frag nach. Unterstell nicht was jemand meint. Unterstell nicht was jemand will. Frag. Die meisten Missverständnisse entstehen, weil wir glauben zu wissen was jemand meint, ohne es zu fragen. Aber wir wissen es nicht. Wir interpretieren. Und Interpretationen sind oft falsch.
  4. Akzeptiere dass DU dich irren kannst.
    Diskussion bedeutet nicht dass du recht hast. Diskussion bedeutet dass du bereit bist dich zu irren. Dass du bereit bist deine Meinung zu ändern, wenn die Argumente besser sind. Aber das geht nur, wenn du nicht glaubst da deine Meinung deine Identität ist. Wenn du glaubst dass du falsch liegst, weil du eine falsche Meinung hast, nicht weil du ein falscher Mensch bist.
  5. Halte Kritik aus.
    Diskussion ist unbequem. Kritik ist unbequem. Widerspruch ist unbequem. Aber genau das ist der Punkt. Diskussion ist nicht dazu da dass du dich gut fühlst. Diskussion ist dazu da dass du lernst. Und lernen bedeutet, dass man hinterfragt wird. Das man widerlegt wird. Das man sich irrt. Und das man damit klarkommt.
  6. Diskutiere um zu verstehen, nicht um zu gewinnen.
    Die meisten Diskussionen sind keine Diskussionen. Sie sind Kämpfe. Jeder will gewinnen. Niemand will lernen. Aber Diskussion ist kein Kampf. Diskussion ist der Versuch gemeinsam zur Wahrheit zu kommen. Und Wahrheit ist nicht das was du am Anfang dachtest. Wahrheit ist das was übrig bleibt, wenn man alles geprüft hat.

Das ist keine Anleitung für Harmonie. Diskussionskultur bedeutet für mich nicht, dass alle einer Meinung sind. Diskussionskultur bedeutet dass man unterschiedlicher Meinung sein kann, ohne sich zu hassen. Es bedeutet dass man streiten kann ohne zu zerstören. Dass man widersprechen kann ohne auszugrenzen. Dass man kritisieren kann ohne zu verurteilen. Das ist nicht einfach. Das ist anstrengend. Das ist unbequem. Aber es ist notwendig.

Fazit:
Unsere Diskussionskultur ist tot. Aber sie kann wiederbelebt werden. Wenn wir aufhören Menschen in Ecken zu stellen. Wenn wir aufhören Moral mit Wahrheit zu verwechseln. Wenn wir aufhören Kritik als Hass zu lesen. Und wenn wir anfangen zu diskutieren. Wirklich zu diskutieren. Mit Argumenten. Mit Ehrlichkeit. Mit der Bereitschaft, falsch zu liegen.

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